Als das LL das Gespräch zwischen JCJ und Marco Mille veröffentlichte, war das Entsetzen groß über die sehr lässige Sicht- und Arbeitsweise des Geheimdienstes in der Vergangenheit. Doch zu diesem Zeitpunkt war noch nicht ersichtlich, dass sich hinter der Geheimnistuerei um die verschlüsselte CD ein handfester Skandal in Sachen Dysfunktion innerhalb des SREL verstecke würde.
Heute ist die Bilanz nach mehreren öffentlichen und nicht-öffentlichen Auditionen eindeutig und erschreckend. Zwischen 2004 und 2009 war im Geheimdienst der Kopf faul und ein Triumvirat (Schneider, Kemmer und Mille) handelte nach eigenem Gutdünken und aufgrund unterschiedlicher Agenden. Ab 2007 gesellte sich mit Mandé noch ein viertes unkontrollierbares Element hinzu, möglicherweise im Auftrag des „Chefs“, wie dieser JCJ während der gesamten Audition liebevoll nannte.
2004 wollte der frühere Direktor, Marco Mille, den Dienst auf Basis des neuen Gesetzes und sicherlich mit guten Absichten reformieren. Weniger militärische, mehr zivildienstrechtliche, minimale Organisationsstrukturen und auch neue Rekrutierungsansätze waren zu Beginn seiner Amtszeit als Leiter des SREL erkennbar. Doch in der Führungsetage entglitt ihm vor allem das Duo Schneider-Kemmer sehr schnell. Diese wollten etwas anderes aus dem Dienst machen und Marco Mille stand ihnen hierbei teilweise im Weg, weil dieser eben zu zögerlich war, und den recht abenteuerlichen Vorstellungen des Duos eher skeptisch gegenüberstand. Als Bewunderer der großen Geheimdienste wie Mossad oder MI6 gab Schneider in seiner öffentlichen Anhörung auch unumwunden zu, dass der SREL veraltet sei und er größere Pläne für den Dienst hatte. So war es für ihn auch selbstverständlich, dass der Geheimdienst neue Aufgaben im Wirtschaftsbereich übernehmen sollte. Dank der sehr unpräzisen Gesetzgebung von 2004 in diesem Bereich, konnte er auch entsprechende Missionen ungestört organisieren. Ob Irak, Libyen, oder Cuba, hier standen keine sicherheitsrelevanten Probleme im Vordergrund der Missionen. Der Geheimdienst war Wegbereiter für wirtschaftliche Kontakte mit Ländern, die in Punkto Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte auf der schwarzen Liste standen.
Nebenbei profitierte Schneider im Rahmen dieser Missionen auch noch von den Kontakten und Informationen, um seine Firmenpläne zu schmieden. Der Businessplan von Sandstone wie auch der größte Geldgeber sind das Resultat seiner ehrgeizigen Wirtschaftsmissionen beim SREL. Da weder Deontologieregeln noch sonst klare Anweisung von hierarchischer oder politischer Seite vorlagen, konnte er seine Firmengründung bequem aus dem Geheimdienst heraus planen. Ab wann genau bleibt unklar. Dass es aber um 2007 war, und dass er die Planungen im SREL sehr offen durchführte, das belegen die verschiedenen Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss.
Besonders brisant ist auch die Tatsache, dass für die Zeitspanne 2006-2009 wenig schriftliche Berichte über die einzelnen Missionen angefertigt wurden. Nur Herr Kemmer, so wurde mitgeteilt, tippte akribisch alles in seinen persönlichen Laptop, den er natürlich mitnahm, als er den Geheimdienst verließ. Es bleibt zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft den Computer im Rahmen der Hausdurchsuchung sicherstellen konnte. Bei diesen „wirtschaftlichen“ Missionen wurde zunehmend waghalsiger gearbeitet und riskante Beschattungen organisiert, wobei nicht immer klar war, in wessen Interesse gearbeitet wurde.
Die versuchte Beschattung des gefährlichen spanischen ex-Geheimdienstler Paese in Zusammenhang mit dem russischen Millionär Lebedew ist hier besonders hervorzuheben. Es war wahrscheinlich dieser Akt, der das Fass zum Überlaufen brachte und weshalb im Dienst die Handbremse gezogen wurde. Obwohl bis heute nicht abschließend geklärt ist, wer letztendlich die illegale Abhöraktion auf Lebedew in Auftrag gab, so deuten immer mehr Indizien in Richtung Schneider. Vermutlich sollte der zunehmend skeptische SREL –Direktor (Mille) kurzgeschaltet werden, um die Mission hinter seinem Rücken fortzuführen. In welchem Interesse und zu welchem Zweck? Es ist zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft aufgrund der Verhöre und der vom Untersuchungsausschuss weitergeleiteten Zeugenprotokolle zu konkreten Resultaten kommt.
Herr M und die CD
In dieselbe Zeit fällt auch die Affäre um die verschlüsselte CD. Es war Kemmer, der über gute persönliche Kontakte zu M. an entsprechende Informationen kam. Kemmer und Schneider unterrichteten daraufhin Mille und zusammen pilgerte das Triumvirat zum Premierminister, um ihn über die CD zu informieren. Doch dieser war gar nicht an der Geschichte interessiert und setzte die drei SREL-Mitarbeiter kurzerhand vor die Tür. Diese jedoch blieben an der Affäre dran. Marco Mille schien vor allem dem Informanten gegenüber seine Bedenken zu pflegen und entschied, diesen abzuhören. Dies wahrscheinlich aus dem Grund, um herauszufinden, in wessen Auftrag der Informant arbeitete, bzw. um den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen bezüglich der CD zu überprüfen. Nun kam die ominöse Uhr ins Spiel. Ein neues Treffen mit JCJ wurde geplant, um über die CD und die illegale Abhöraktion zu sprechen. Der Rest ist bekannt. Weshalb entschied sich Marco Mille für die Aufnahme dieses Gesprächs? Etwa um sich gegenüber der Existenz der CD und des gescheiterten ersten Gesprächs mit JCJ abzusichern? Um die illegale Abhöraktion gegen M. nachträglich zu legalisieren? Weshalb haben nach diesem Gespräch weder Marco Mille noch JCJ den parlamentarischen Kontrollausschuss über die gesamte Affäre aufgeklärt? Weshalb haben Schneider und Kemmer Marco Mille eher zur Aufnahmeaktion ermutigt als ihn zu bremsen (die Uhr wurde ihm von Kemmer übergeben)? Gab es bei dieser Aktion einen Zusammenhang mit anderen Plänen von Kemmer und Schneider im SREL? Immerhin ist Marco Mille diesen beiden nach der Aufnahmeaktion des Premiers vollständig ausgeliefert gewesen (beide besaßen Kopien des Gesprächs). Wie eng befreundet ist Kemmer mit M. und weshalb bringen beide die CD-Affäre zu diesem Zeitpunkt in den Geheimdienst?
Zwischenbilanz
Die parlamentarische Untersuchungskommission hat ihre Arbeiten noch nicht abgeschlossen, doch bereits jetzt drängen sich einige Fragen und Schlussfolgerungen auf:
- Wie ist es möglich, dass JCJ trotz klaren Warnungen und Anzeichen den ihm unterstellten Dienst so lange gewähren ließ, und weshalb informierte er den parlamentarischen Ausschuss nicht über die Schwierigkeiten im SREL? Auch wenn es politisch nachvollziehbar ist, dass der Geheimdienst nicht seine Sache ist, so ist es trotzdem unverständlich, dass er sich so wenig darum gekümmert hat.
- Der parlamentarische Kontrollausschuss des SREL, der 2004 per Gesetz geschaffen wurde, war ein zahnloser Tiger und wurde auch als solcher von den führenden Mitgliedern des SREL gesehen. Einerseits musste der Ausschuss zunächst einmal Erfahrungen sammeln und anderseits sind ihm bedingt durch die zu strikte Geheimhaltungspflicht der Mitglieder auch noch enge Fesseln angelegt. Darüber hinaus verfügte der Ausschuss über keine eigenen und unabhängigen Mitarbeiter, was eine intensivere und tiefgreifendere Arbeit ermöglichen würde. In diesem Rahmen informierte die SREL-Direktion die Parlamentarier nur sehr beschränkt über ihre Aktivitäten, arbeitete hinter ihrem Rücken sogar illegal und enthielt ihnen wichtige Informationen bewusst vor (Beispiel verschlüsselte CD). Auch wenn die Mitglieder des Kontrollausschusses ab 2008 anfingen, Bedenken zu äußern, so handelten sie angesichts der heute bekannten Tragweite der Probleme im SREL doch recht naiv und gutgläubig.
- Die gesetzliche Grundlage des Dienstes von 2004 ist in keiner Weise zufriedenstellend. Nicht nur ist die Mission des Dienstes nicht genau genug beschrieben, auch die Ausführungsbestimmungen und verschiedene großherzogliche Reglements fehlen gänzlich. Auch hier trägt die Exekutive und v.a. JCJ als zuständiger Minister Verantwortung.
- Gerade für hohe Staatsbeamte und umso mehr für Geheimdienst-Mitarbeiter sind verbindliche Deontologieregeln sehr wichtig. Wie wenig sich hiesige hohe Staatsbeamte ethisch oder deontologisch verantwortlich fühlen, wurde in den Zeugenausführungen des parlamentarischen Untersuchungsausschuss besonders deutlich. Ein strenger Deontologiekodex wird von den Grünen seit Jahren gefordert. Ein solcher würde Verhaltensweisen wie z.B. jene von Schneider und Kemmer direkt unter Strafe stellen. Mit dem aktuellen Gesetz aber bleibt nur zu hoffen, dass die Justiz genügend Beweismittel zusammentragen kann.
- Was die Zukunft betrifft, sollte der Untersuchungsausschuss außenstehende Geheimdienst-Experten anhören und ohne Tabu über die Existenzberechtigung eines Geheimdienstes diskutieren.