(en Artikel vu mir an dem Sam Tanson, deen haut am Lëtzebuerger Wort publizéiert gouf)
Seit dem Ende der 90er-Jahre fordern déi gréng eine breite Debatte über das zukünftige Modell Luxemburg. Wir sind der Überzeugung, dass wir auch grundlegende Veränderungen nicht scheuen dürfen, wenn wir unser aktuelles Wohlstandsmodell auch für kommende Generationen erhalten wollen.
Neue Standbeine für die Wirtschaft
Ein Großteil unseres Wohlstandes resultiert aus dem Finanzplatz. Wie kaum ein anderes Land auf der Welt profitierten wir von der Boomphase einer vollständig liberalisierten und teilweise von der realen Wirtschaft losgelösten Finanzwelt. Zehntausende neue Arbeitsplätze im Finanz- und Dienstleistungssektor sind in nur zwei Jahrzehnten entstanden. Unser Wirtschaftswachstum lag beständig über dem unserer Nachbarländer. Die Finanzkrisen von 2001 und vor allem die von 2008 (deren Folgen noch andauern) haben die Welt zum Umdenken gebracht. Ein neuer reglementarischer Rahmen muss her, wollen wir immer heftigere Krisen in Zukunft vermeiden. Dies bedeutet jedoch für unser Land, dass die goldene Zeit des Finanzplatzes Luxemburg vorbei ist. Dieser Wirtschaftssektor wird weiterhin bedeutend für unser Land bleiben, doch er wird nicht mehr derart hohe Überschüsse wie in der Vergangenheit abwerfen. Neue – zukunftsträchtige – Wirtschaftssektoren müssen erschlossen werden. Wir müssen unsere Wirtschaftsstruktur auf mehr Standbeinen aufbauen.
Neue, nachhaltige und sozial gerechte staatliche Einnahmen
Heute stellen Tanktourismus (7,8 Prozent), Tabaktourismus (4,8 Prozent) und elektronischer Handel (5,7 Prozent) zusammen 18,3 Prozent der staatlichen Einnahmen dar. In den kommenden 10 bis 15 Jahren werden diese zu großen Teilen wegbrechen. Diese Steuerausfälle werden sich zu den rückläufigen Einnahmen aus dem Finanzsektor addieren. Angesichts der seit 1990 stark reduzierten progressiven direkten Steuern werden diese Ausfälle dazu führen, dass der Staat weder seine notwendige offensive Investitionspolitik, noch seine Rolle im Sozialbereich ordentlich wahrnehmen kann. Eine Reform unseres Steuersystems wird notwendig sein. Hier müssen vor allem Aspekte von Steuer- und Umverteilungsgerechtigkeit berücksichtigt werden.
Ein dichtes Sozialnetz ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft unabdingbar. Auch die über Jahrzehnte geschaffenen Sozialversicherungssysteme, aufgebaut auf der Generationensolidarität, sind für uns von großer Bedeutung. Doch nicht alles, was in der Vergangenheit geschaffen wurde, ist finanziell gesichert (z. B. Renten), und so manches ist auch unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit sehr fragwürdig (z. B. die Mammenrent). Wir leisten uns heute zu viele ungedeckte Schecks auf Kosten der nächsten Generation.
Auch wenn die Klimafrage zur Zeit durch die Finanz- und Schuldenkrise aus der öffentlichen Debatte verdrängt wurde, so ist sie deshalb nicht weniger akut. Im Gegenteil: Der C02-Ausstoß hat sich weltweit sogar noch gesteigert und Luxemburg ist bei den Klimagasen Weltmeister. Zudem wird der stetige Preisanstieg, bei den immer knapper werdenden fossilen Brennstoffen uns durch unseren energieintensiven Lebensstil immer stärker finanziell belasten. Eine Energiewende ist daher gerade für Luxemburg unabdingbar.
Wir steuern immer schneller auf 700 000 bis 800 000 Einwohner zu. Um unser Wirtschafts- und Sozialmodell zu bedienen, benötigen wir jährlich Tausende neuer Arbeitsplätze. Es fehlen jedoch die nötigen Wohnungen, Schulinfrastrukturen, die Landesplanung ist defizitär und unsere Mobilitätsgewohnheiten beruhen zu über 80 Prozent auf dem motorisierten Individualverkehr. Um hier gegenzusteuern, muss der Staat massiv in Wohnungen, Schulen, öffentlichen Transport und sanfte Mobilität investieren. Allein hierfür wird die öffentliche Hand Milliarden Euro benötigen. Unser Land hat in seiner Geschichte schon viele Krisen und schwierige Momente überwunden. Auch heute gibt es positive Auswege. Wir müssen heute intelligent und gezielt investieren, eine sozial gerechte Steuerpolitik einleiten und dort sparen, wo es wirklich sinnvoll ist. Unser Finanzplatz kann helfen, neue wirtschaftliche Standbeine aufzubauen. Wir werden keine großindustriellen Betriebe nach Luxemburg mehr anziehen, doch innovative, hochtechnologische Klein- oder Mittelbetriebe in den Bereichen IT, Umwelt- und Energieeffizienztechniken und Biotechnologien, in den zentralen Technikbereichen des 21. Jahrhunderts, müssen und können wir anlocken. Diese werden nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch einen hohen finanziellen Mehrwert bringen. Unsere zentrale Lage, gute Infrastrukturen für diese Bereiche und ein wirtschafts- und sozialpolitisch stabiles Umfeld, sind hier wesentliche Trümpfe. Deshalb müssen Investitionen in Schulen, Universität und Forschung absoluten Vorrang haben.
Ein zukunftsfähiges Luxemburg ist möglich
Doch auch das Umfeld muss stimmen. Forscher aus dem Umwelt- oder Energiebereich werden nicht in einem Land leben wollen, welches nicht selbst mit gutem Beispiel in diesen Bereichen vorangeht. Luxemburg war in den vergangenen Jahrzehnten der Wirtschaftsmotor einer Großregion (Saar-Lor-Lux, belgische Provinz Luxemburg). Wir haben uns massiv der Arbeitskräfte dieser Region bedient, doch eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde vernachlässigt. Hier liegt sicherlich noch viel Potential. Wir begrüßen daher, dass der neue Wirtschaftsminister in seiner Prospektionsarbeit sich mehr auf die Großregion konzentrieren möchte.
Uns von der Abhängigkeit der fossilen Energieträger zu befreien, ist eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahrzehnte. Stetig steigende Erdölpreise zerstören jährlich Wirtschaftswachstum, heizen die Inflation an und treiben immer mehr Menschen von der Energie- in die Armutsfalle. Unser gesamtes soziales und wirtschaftliches Fördersystem muss vor diesem Hintergrund untersucht und neu ausgerichtet werden. Intelligente Förderprogramme zur Altbausanierung oder zu mehr Energieeffizienz insgesamt bekämpfen Inflation und Armut und bringen der Bau- und Handwerksbranche über Jahrzehnte neue Aufträge. Sie können daher zum Motor bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze werden. Zum Energiebereich gehört auch die Mobilität, respektive das Luxemburger Mobilitätsverhalten. Intermobilität heißt die Lösung für unser Fortbewegungsproblem. Hierfür müssen wir aber die Grundbedingungen schaffen. Im Regierungskonzept Modu liegen viele gute Ansätze. Sie müssen jedoch integral und zügig umgesetzt werden. Heute ist die Mobilität ein knallharter Wirtschaftsstandortfaktor geworden. Deshalb müssen die hier vorgesehenen Investitionen im öffentlichen Transport absolut Vorrang genießen.
Den meisten Menschen in Luxemburg geht es materiell gut. Doch wir dürfen nicht verkennen, dass fast 20 Prozent der Bevölkerung in Armut oder am Rande der Armutsgrenze leben. Die 80 Prozent, denen es materiell gut geht, sollten damit einverstanden sein, dass wir uns in der Umverteilungspolitik in Zukunft auf die 20 Prozent konzentrieren sollen, denen es schlechter geht. Eine zielgerichtete Sozialpolitik würde Armut besser bekämpfen und dem Staat den nötigen Spielraum lassen, damit dieser intelligent in ein zukunftsfähiges Luxemburg investieren kann. Dies ist im Interesse aller.
Léif Lieserinnen & Lieser, ob dësem Blog wëll ech a regelméissegen Ofstänn déi politesch a gesellschaftlech Aktualitéit kommentéieren. De Web 2.0 erméiglecht eng dezentraliséiert an oppe Kommunikatioun, wou sech Bierger a Politiker op enger Aenhéischt géigeniwwerstinn, a sech direkt an onverfälscht austausche kënnen. Ech hoffen, datt ech mat mengem Blog e klenge Bäitrag zur politescher Kultur an der lëtzebuerger Internetsphäre leeschte kann. Ech wënsche vill Spaass bei Liesen a Kommentéieren!
Was war die Finanzkrise 2001? Die in Argentinien?
Reglementarischer Ramen… Ordoliberalismus? Kann man gleichzieitig den Liberalismus anprangern und befürworten?
Diejenigen die einen reglementarischen Rahmen befürworten wollen große Einschnitte im Sozialbereich. (Ob das nun gut oder schlecht ist.) Das bedeutet eine Umverteilung von Arm zu Reich. Schlanker Staat. Usw
Warum gibt es in Luxemburg Stadt nicht mehr Initiative in Richtung Bessere Wohnungen bessere Schulen besserer Verkehr? Ist das Velohprojekt alles?
Ist der Taubenschlag alles was die grünen zustrande brachten?
Was ist die ökologisch sinnvolle Antwort auf die fossile Energie, die besser ist?
Zu guter letzt: was bedeutet Intermobilität?
MFG
Samuel
1. Die Finanzkrise 2001 war das Platzen der Internetspekulationsblase an den Finanzmärkten. Sie machte bereits deutlich, dass die in den 80er und 90er Jahren vollständig liberalisierten Finanzmärkte völlig losgelöst von den Aktivitäten der realen Wirtschaft funktionieren. Immer neue und untransparete Finanzprodukte, gekoppelt mit einem immer schnelleren Hndel an den Börsen und dem Drang des schnellen Profits im Finanzspielkasino (die shareholder-value Mentalität domniert über die realen Wirtschaftsaktivitäten), waren die Folge der monetaristischen Wirtschaftspolitik die sich durch Regan und Thatcher in den 80er Jahren definitiv durchsetzten.
2. Ja man kann den extremen wirtschaftlichen Liberalismus anprangern und sich für eine ökologische und soziale Marktwirtschaft einsetzen. Zwischen 1945 und 1970 wurde unter dem Einfluss der keynesianischen Wirtschaftstheorie bewiesen, dass eine geordnete Marktwirtschaft, mit Umverteilungsrichtlinien nicht nur sozial gerechter ist, sondern wirtschaftlich auch stabiler funktionieren kann. Heute muss neben der sozialen auch noch die ökologische Lenkungskomponente hinzu kommen. Der Markt an sich ist ein effizientes Instrument zur Schaffung von gesellschaftlichem Reichtum und zur Beschleunigung von kreativem Handeln, er ist jedoch blind gegenüber der Verteilungsgerechtigkeit von Reichtum und gegenüber den extrenen Kosten (v.a. im ökologichen Bereich) von wirtschaftlichem Handeln . Deshalb ist ein guter ordnungspolitischer staatlicher Rahmen so wichtig. Die Alternative hierzu wäre die vollständige Ueberwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Mal abgesehen davon, dass solche Experimente bisher kläglich scheiterten, lässt sich darüber sicherlich trotzdem diskutieren. Allerdings bin ich heute ein überzeugter Anhänger des reformistischen Weges, das beudeutet in erster Linie, die extremen kapitalistischen Verhältnisse durch demokratsiche Reformen zu zähmen.
3. Das VeloH-Projekt in Luxemburg Stadt war in den vergangenen 6 Jahren in Luxemburg Stadt nicht alles. Die Koalition mit grüner Beteiligung hat insgesamt doppelt soviel Geld investiert als die vorherige und dies v.a. in den Bereichen Mobilität, Schulen, Kinderbetreung und Stadtentwicklung/Wohnen. So wurde in der Mobiltät z.B. das gesamte Bussystem überarbeitet, die Linien erweitert, die Kadenzen verbessert, neue Busse angeschafft, ein neues Busleitsystem eingeführt. Resultat 2005 transportierte die AVL 25 Millionen Passagiere pro Jahr, 2011 waren es 33 Milliounen! Im Bereich der sanften Mobilität wurde massiv investiert (Infrastrukturen, Kommunikatioun und Service). Der Fahrradanteil ging von knapp 1% des gesamte Verkehrsaufkommens auf fast 4% binnen nur 4 Jahren herauf. Im Wohnungsbau haben wir erste Zeichen durch unser Baulückenprogramm gesetzt und ein innovatives Projekt für Wohnen ohne Auto eingeleitet was nun zügig gebaut wird. Wir sind dabei drei grosse kommunale Wohnungsprojekte mit mehreren Tausend erschwinglich Wohnungen und einem besonderen Schwerpunkt auf sozialen Mietwohnungen umzusetzen.
4. Der grüne Taubenschlag brachte weiterhin folgendes zustande:
- gen-und pestizidfreie Stadt
- Einführung der Biomülltonne
- Erstellung und Umsetzung eines konsequenten Umweltaktionsplanes
- In Ausrbeitung ist ein Klimaschutzplan mit konkreten und messbaren CO2-Reduktionszielen.
Dies sind nur ein Bruchteil der Flügelschläge (für Details http://www.greng.lu/Letzebuerg Bilanzbroschüre 2005-2011)
5. Intermobilität beudeutet die intelligente Verknüpfung aller Mobilitätsträger (Bus, Bahn, Tram, Auto, Fussgänger und Fahrrad). In unserer mobilitätsbedürftiger Gesellschaft ist nicht ein Träger der Schüssel zur nachhaltigen Mobilität, sondern die optimale Kombination von allen. Dies kann bedeuten dass ich, am Morgen mir dem Bus zur Arbeit fahre, in der Mittagsstunde mit dem Fahrrad zu einem Freund fahre, am späten Nachmittag mit einem car-sharing Auto zu einem Termin ausserhalb der Stad fahre und Abends wieder mit dem Bus nach Hause fahre. Ein solches System anzustreben, das ist unser Ziel in der Haupstadt.
François Bausch